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Beyond control: Wie Sie mit weniger Steuerung mehr erreichen

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  • Beitrags-Kategorie:Leadership
  • Beitrag zuletzt geändert am:März 6, 2024
  • Lesedauer:7 min Lesezeit

Einleitung: Der Einkaufswagen

Bevor Sie diesen Artikel lesen, stecken Sie einen Euro in Ihre Jackentasche und begeben Sie sich zum nächsten Supermarkt. Schnappen Sie sich einen Einkaufswagen, positionieren Sie sich auf einer möglichst leeren, weitläufigen Fläche, umfassen Sie mit beiden Händen fest den Griff und schieben Sie ihn rund 15 Meter über den Parkplatz, strikt geradeaus. Achten Sie darauf, den Wagen absolut gerade zu halten und keinen Millimeter von der geraden Linie zu Ihrem Ziel abzuweichen. Spüren Sie die Anstrengung?

In der zweiten Runde: Drehen Sie den Wagen um, legen Sie nun die Handflächen an die Ihnen zugewandte Seite des Griffs und schieben Sie ihn auf demselben Weg zurück. Diesmal jedoch ohne die Hände zu schließen, und machen Sie sich keine Gedanken darüber, wie stark der Wagen von der geraden Linie abweicht. Bei Bedarf fangen Sie ihn einfach locker mit den Fingerspitzen ein. Versuchen Sie, mit möglichst wenig Kraft den Wagen zurückzuschieben. Fühlen Sie den Unterschied im Kraftaufwand?

Für die dritte Runde: Achten Sie darauf, dass Hindernisse wie parkende Autos auf Ihrem Weg möglichst zwei Meter entfernt stehen. Nehmen Sie die Sperrkette des Einkaufswagens, ziehen Sie den Wagen locker 15 Meter hinter sich her, während Sie direkt auf Ihr Ziel zugehen. Lassen Sie den Wagen sich seinen Weg eigenständig suchen. Wie fühlt sich das an?

Kontrollverlust in Theorie und Praxis

Kontrollverlust kann beängstigend sein. Wir assoziieren Kontrolle oft mit einer akribischen Überwachung und Detailprüfung. Doch in Wirklichkeit ist für das Erreichen des Ziels „Ich bin mit dem Wagen vor dem Supermarkt“ der genaue Weg des Wagens irrelevant. Die meisten fühlen sich noch wohl, wenn sie den Wagen nur mit den Handflächen lenken, doch die Vorstellung, ihn ganz loszulassen, ruft Widerstand hervor: „Was, wenn der Wagen abweicht und Schaden anrichtet?“ Dieses Szenario wählt man natürlich nicht in einem überfüllten Umfeld. Die Führung muss der Situation angemessen sein.

Der Mensch neigt dazu, Kontrolle mit Sicherheit und Effizienz gleichzusetzen. Ein straff geführter Einkaufswagen symbolisiert diese Tendenz. Im Unternehmenskontext wird diese Kontrolle oft durch detaillierte Vorgaben, enge Überwachung und strikte Prozesse manifestiert. Doch wahre Kontrolle – so lehrt uns die Praxis – ist nicht das Festhalten an starren Strukturen, sondern die Fähigkeit, sich anzupassen und Freiräume zu gewähren.

Aber was, wenn der Raum offen ist und keine direkten Risiken sichtbar sind? Warum dann nicht den Weg des geringsten Widerstands wählen? In der Arbeitswelt sind die „Wege“ oft enger gesteckt durch rechtliche Vorgaben oder spezifische Prozesse. Hier sollten wir aus der Metapher ausbrechen: Unsere Mitarbeiter sind keine Einkaufswagen, sondern Experten, die ihren Weg kennen. Denen wir vertrauen können, und denen wir Regeln und Leitplanken bereitstellen können, innerhalb derer sie im Interesse der Organisation agieren können.

In Unternehmen, die von Mikromanagement geprägt sind, erleben Mitarbeiter häufig Stress, Unterdrückung kreativer Potenziale und eine geringe Bindung an das Unternehmen. Diese Arbeitsumgebung ist vergleichbar mit dem kräftezehrenden Festhalten am Einkaufswagen: Es fühlt sich für beide Seiten an, als müsse man ständig gegen Widerstände ankämpfen.

Vom Mikromanagement zur Autonomie

Im Kontrast dazu steht eine Führungskultur, die auf Vertrauen, Eigenverantwortung und die Förderung individueller Stärken setzt. Stellen Sie sich vor, Sie würden die Kontrolle lockern, ähnlich wie beim Loslassen des Einkaufswagen-Griffs. Dies bedeutet nicht, ins Chaos abzudriften, sondern Mitarbeitern zu vertrauen, dass sie selbstständig den besten Weg zum Ziel finden.

In einer solchen Atmosphäre können Mitarbeiter ihre Fähigkeiten voll entfalten, innovative Lösungen entwickeln und letztendlich mehr Wert für das Unternehmen schaffen. Statt jeden Schritt zu überwachen, sollten Führungskräfte klare Ziele setzen und dann die Mitarbeiter eigenständig agieren lassen. Hindernisse wie bürokratische Hürden und starre Prozesse sollten minimiert werden, um Raum für Kreativität und Eigeninitiative zu schaffen.

Drei Erkenntnisse für die Praxis

Was können wir nun unmittelbar aus dieser Metapher ableiten?

Erkenntnis Nummer 1: Sie müssen nicht alles kontrollieren. Schaffen Sie die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich Menschen und Prozesse am besten entwickeln können. Indem Sie Vertrauen und Freiheit bieten, fördern Sie Autonomie und dadurch Motivation und Zufriedenheit.

Erkenntnis Nummer 2: Führung bedeutet, die Energie zu steuern, nicht die Menschen. Setzen Sie klare Ziele und lassen Sie die Mitarbeiter den Weg dorthin finden. Dies fördert Innovation und Effizienz.

Erkenntnis Nummer 3: Weniger Stress bedeutet mehr Wert. Ein Umfeld des Vertrauens und der Selbstverantwortung senkt den Stresspegel und ermöglicht bessere Leistungen.

Praktische Umsetzung: Führung mit losen Zügeln

Aber wie lässt sich diese Philosophie in die Praxis umsetzen? Zunächst ist es wichtig, ein solides Verständnis für die individuellen Stärken und Schwächen jedes Teammitglieds zu entwickeln. Auf dieser Basis können Aufgaben und Projekte so zugeordnet werden, dass sie den Neigungen und Fähigkeiten der Mitarbeiter entsprechen.

Weiterhin ist eine offene Kommunikationskultur entscheidend. Mitarbeiter sollten ermutigt werden, ihre Ideen und Bedenken frei zu äußern. Dies schafft eine Atmosphäre der Zusammenarbeit, in der Innovation gedeihen kann. Feedback sollte konstruktiv sein und als Gelegenheit zur Entwicklung verstanden werden, nicht als Kritik.

Schlussfolgerung: Die Kunst des Loslassens

Die Kunst des Loslassens im Unternehmenskontext bedeutet nicht, die Zügel vollständig aus der Hand zu geben. Es geht vielmehr darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter eigenverantwortlich und motiviert arbeiten können. Durch die Förderung von Autonomie und die Schaffung klarer, aber flexibler Rahmenbedingungen können Unternehmen ihre Produktivität erhöhen.

Indem wir die Energie steuern, statt Menschen zu kontrollieren, können wir mit weniger Stress mehr Wert erzeugen. Ermutigen Sie Ihre Mitarbeiter, eigene Wege zu gehen, unterstützen Sie sie dabei und erkennen Sie ihre Leistungen an. So fördern Sie nicht nur die Zufriedenheit und das Engagement Ihrer Teammitglieder, sondern auch den langfristigen Erfolg Ihres Unternehmens.

Carolin Fiechter

Carolin Fiechter ist als Unternehmerin in Bilanzen, im Portfoliomanagement und in der Produktion gleichermaßen zu Hause. Ihr zentraler Ansatzpunkt in Forschung und unternehmerischer Praxis seit über 20 Jahren ist der Fokus auf Wertschöpfung. Carolin hilft Führungskräften dabei, ihre individuellen Ziele mit denen ihres Umfelds so abzustimmen, dass Win-Win-Situationen mit messbarem Outcome entstehen. Sie engagiert sich in der Initiative Zukunftsfähigkeit, um Unternehmen Wege aufzuzeigen, ihre Energie gewinnbringend in das Erreichen von Kundenwert und Geschäftsergebnis zu investieren. Neben Artikeln und Blogposts inspiriert sie als Keynote Speakerin und Projekt-Begleiterin, Coach und Beraterin.